„DICH GIBT’S JA DOPPELT!“ – TEIL 1

Ich bin ein Zwilling – nicht vom Sternbild her, sondern das stand schon vor meiner Geburt fest. Ich durfte meine Schwester schon vor unserem Geburtstag kennenlernen und seitdem sind wir eng miteinander verbunden. Wir sind nicht eineiig und sie war schon immer etwas größer als ich, dafür bin ich eine Minute älter und damit kommen wir bis jetzt gut klar. 

Vorneweg möchte ich erwähnen, dass wir unseren Lehrern keine Zwillings-Streiche gespielt haben – dafür waren wir leider zu schüchtern. Aber wir wurden schon erstaunlich oft danach gefragt. 

Von der Hanni & Nanni-Romantik haben wir als Kinder nicht viel mitbekommen – Mama dachte wohl, das wäre für uns nicht so interessant. Aber von dem was ich so mitbekommen habe, ging das vielen anders und es wurde sich oft ausgemalt, wie das wohl ist, einen Zwilling zu haben. Daran möchte ich euch heute teilhaben lassen. 

Natürlich empfindet jeder sein Zwilling-Sein anders. Deshalb habe ich mir fünf Fragen überlegt und sie drei unterschiedlichen Zwillingen gestellt – selbstverständlich auch meiner eigenen Zwillingsschwester. Jeder Interviewpartner bekommt seine eigene Farbe, dann kannst du die Antworten entweder Zwillingsbezogen oder alle hintereinander lesen. In Teil 2 dieses Beitrags werde ich dir ein Interview mit meiner Mama zeigen, der ich dieselben Fragen gestellt habe. Sie erzählt dann aus der Perspektive einer Zwillings-Mama.

Ich hoffe, ich kann deiner Neugier hiermit ein klein bisschen entgegen kommen und wünsche dir viel Spaß beim Lesen! 

Interviewpartner: 

A: meine Schwester, mittlerweile wohnen wir in unterschiedlichen Städten und haben noch nie zusammengearbeitet

B: weiblich, in den 60ern, hat eine Zwillingsschwester, sie hatten den gleichen Arbeitgeber und wohnen im gleichen Ort

C: männlich, in den 30ern, hat einen Zwillingsbruder, arbeitet mit ihm zusammen und wohnt im gleichen Haus

1. Frage: Findest du, ihr seht euch ähnlich?

A: Ähnlich ja, aber nicht gleich. 

B: Ehrlich gesagt, ja. 

C: Ja, auf jeden Fall!

2. Frage: Was sind die Nachteile daran, ein Zwilling zu sein? 

A: Manche Leute machen sich gar nicht erst die Mühe, zu versuchen, uns auseinander zu halten, sobald sie hören, wir sind Zwillinge. Man wird verglichen, immer als Doppelpack gesehen und Leute, die mich nicht kennen, aber Melissa, gehen davon aus, ich sei genauso oder meinen, mich schon zu kennen. Man teilt alles, bekommt die gleichen Geschenke (nur in anderen Farben), man braucht länger, um sich selbst zu finden und zu wissen, wer man alleine ist und was einen ausmacht und besonders macht, unabhängig davon, ein Zwilling zu sein.

B: Ich finde, es gibt keine Nachteile. 

Unangenehm war es nur als unsere Kinder klein und gleichzeitig im Kindergarten waren, wenn man von Kindergarteneltern aus anderen Gruppen gegrüßt wurde und nicht reagiert hat, weil man sie nicht kannte. Und bei meiner Schwester genauso. Da habe ich das Gefühl gehabt: „Nächstes Mal grüßen die Menschen dich nicht mehr“. Menschen in der Nachbarschaft habe ich dann schon immer vorgewarnt: „Ich habe eine Zwillingsschwester“, um das gleich aus der Welt zu schaffen.

Irritierend war es auch bei der Beerdigung meines Schwagers mit meiner Schwester verwechselt zu werden. 

C: Ich sehe keine Nachteile daran, Zwilling zu sein.

3. Frage: Was sind die Vorteile?

A: Man ist nie allein. Die beste Freundin wohnte im gleichen Zimmer. Man teilt alles (ja, ich hab es auch als Nachteil genannt, aber ich sehe es in vielen Fällen auch als ein Vorteil). Die andere hat vor allem in der Kindheit die gleichen Dinge zur selben Zeit erlebt, das schweißt zusammen. Man hat einen Mitstreiter und Kämpfer, jemanden an seiner Seite. Es ist immer ein Auftritt, zusammen wo aufzutauchen (das wäre für manch andere wahrscheinlich ein Nachteil, aber ich muss gestehen, wir haben das beide manchmal glaube ich auch einfach genossen ^^).  

B: Wir verstehen uns sehr gut, können über alles reden. Wir denken oft das Gleiche und haben zu vielem die gleiche Meinung. Es ist eine enge Beziehung mit ihr, was sehr schön ist.

C: Wenn jemand in was besser ist, kann der andere einspringen (Schule, Beruf). Bei Führerscheinverlust kann man trotzdem weiterfahren. 

4. Frage: Was hättest du dir von anderen im Umgang mit eurem Zwilling-Sein manchmal gewünscht? Was hätten andere bleiben lassen können? (Eltern/ Verwandte/ Lehrer/ Freunde/ Bekannte)

A: Gewünscht hätte ich mir, dass wir öfter alleine angesprochen worden wären und nicht immer nur zu zweit, wenn wir zusammen aufgetaucht sind. Dass sich die Menschen wenigstens bemühen, uns auseinander zu halten. Wir waren ja nie nachtragend, aber wenn sich Leute noch nicht mal Mühe gegeben haben, war das enttäuschend und man fühlte sich nicht gewertschätzt oder als eigenständige Person wahrgenommen. 

Unsere Lehrer und Mitschüler hätten bei Klassenarbeit-Rückgaben Bemerkungen weglassen können wie: „Diesmal ist Melissa aber besser als du.“ Unsere Klassenlehrerin in der 6. hätte mal lieber nicht nur unsere Initialen ins Klassenbuch eintragen sollen, wenn wir gefehlt haben – Überraschung… die sind nämlich gleich ^^ 

Unsere Eltern haben uns immerhin unterschiedliche Farben angezogen, wenn sie uns gleich angezogen haben.  

Freunde hatten wir zwar viele gemeinsame, aber jeder auch eigene, sodass wir uns da eigentlich immer gut entfalten konnten, auch ohne immer nur verglichen zu werden. Gute Freunde waren auch immer die, die gesagt haben, wir seien uns doch überhaupt nicht ähnlich und wie man uns überhaupt verwechseln könne. 

B: Ich habe ein bisschen darüber nachgedacht, aber ich finde es einfach gut so, wie es ist. 

C:  Aus meiner Sicht haben meine Eltern/ Verwandte/ Lehrer/ Freunde/ Bekannte alles richtig gemacht. Bis auf das die Lehrer uns manchmal auseinandergesetzt haben.

5. Frage: Was war dein schönster oder witzigster Zwillingsmoment?

A: Da könnte ich jetzt viele nennen, aber witzig war es schon, als wir mal mit unserem Bruder zusammenstanden und gefragt wurden: „Seid ihr Drillinge?“ (er ist acht Jahre jünger… der Arme… ^^) 

B: Wir haben oft zusammengearbeitet und die Leute wussten manchmal nicht, dass wir eine Zwillingsschwester haben. Meine Schwester hat oben in der 1. Etage gearbeitet und ich unten und da kam einer runter, der sie gerade oben gesehen hat und die Fahrstuhltür öffnet sich und ich stand davor. Er war ganz perplex: „Du warst doch gerade oben, wie kann das möglich sein?“. An seinen Gesichtsausdruck muss ich noch oft denken. 

Bei unserer anderen Arbeitsstelle im Supermarkt haben wir in anderen Abteilungen gearbeitet und manche Kunden mussten wir mit ihren Fragen in die jeweils andere Abteilung schicken: „Ich schicke sie mal gerade zu meiner Kollegin.“ – ohne zu sagen, dass sie meine Zwillingsschwester ist. „Ich war doch gerade bei Ihnen!“ So was haben wir oft erlebt, weil die Menschen gar nicht erwarten, dass da jetzt jemand ein Zwilling ist. Mit den Jahren wussten aber viele Kunden, dass wir Zwillinge sind. 

Und manchmal gucke ich in den Spiegel und denke: „Heutes sehe ich aus wie meine Zwillingsschwester“. Oder ein Lachen oder wie ich etwas sage, erinnert mich an ihr Lachen oder dass sie das so gesagt hätte. 

C:  Da gibt es viele, unter anderem Verwechslungen wo ich die Leute nicht kannte, aber die mich eigentlich.

Fest steht…

Zum Schluss möchte ich festhalten, dass manche Antworten der anderen Zwillinge mich erstaunt haben. Sind meine Schwester und ich unserem Zwilling-Sein gegenüber so viel negativer eingestimmt? Oder sind wir vielleicht einfach reflektierter??

Fest steht, dass wir sehr gerne Zwillinge sind und es uns auch gar nicht anders vorstellen können (und wollen). 

Manche Aussprüche wie „Dich gibt’s ja doppelt!“ sind spätestens beim 238. Mal nicht mehr besonders witzig aber man lernt, damit umzugehen.

Ich durfte mit meiner besten Freundin zusammen aufwachsen, mit ihr und von ihr lernen, wir konnten viele gleiche Erfahrungen teilen und ich durfte immer auf sie zählen. Uns verbindet so viel mehr als die Tatsache, Schwestern zu sein die am selben Tag geboren wurden!

So ist es für mich, eine Zwillingsschwester zu haben…

Und mit den unzähligen gleichen Assoziationen und ähnlichen Denkmustern, die wir haben – kann uns wahrscheinlich bis zu unserem Lebensende niemand in „Tabu“ schlagen! 

2 Kommentare zu „„DICH GIBT’S JA DOPPELT!“ – TEIL 1

  1. DANKE für diesen Klasse Beitrag!
    Auch wenn es einen ungeborenen Zwilling gibt – fühlt sich manches ähnlich an denke ich, bis man erkennt „ich darf eigenständig Leben “ weil ich “ alleine “ geboren wurde !

    Spannend !!!
    Vielen Dank 🌹

    Gefällt mir

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